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Westfälische Rundschau vom 21.02.2007:
Der Frieden zum Preis eines Brötchens
Von Philip Ritter
Meist geht es um Lapalien: Rangeleien an der Tischtennisplatte oder Attacken mit Schneeball und Kastanie. "Einmal aber", erinnert sich Maureen Magiera, "drohte ein Schüler, die Pistole seines Vaters zu holen" - und in solchen Fällen kann ihr Job auch ganz schnell brenzlig werden. Zweimal pro Woche verbringt die 15-Jährige ihre Pausen nicht auf dem Schulhof, sondern auf der ersten Etage, im Schlichtungsraum der Schule. Viel gibt es dort nicht: Nur einen Tisch, vier Stühle und besagten Schrank. Auch die Bemalung der kargen Betonwände atmet den Geist des Konfliktes: Engel rechts und Teufel links zieren die Mauern - auf der anderen Seite zwei Männchen, die sich in den Armen liegen.
"Es sind oft dieselben, die uns aufsuchen", erzählt Maureen - "meist Jüngere, aus den unteren Klassen." Natürlich kommen die Kontrahenten freiwillig, schließlich ist so eine Schlichtung immer noch besser als der Gang zum Lehrerzimmer. Die Sitzungen werden während der zwanzigminütigen Pausen abgehalten, verlaufen nach strengen Regeln. Oberstes Gebot: Gegenseitig ausreden lassen, niemals durcheinander sprechen. Gerade, wenn die Emotionen hochkochen, kann das Gespräch schnell eskalieren. Besonders die obligatorische Frage nach den Gefühlen der Streithähne bereitet Maureen Kopfschmerzen. "Manchmalfällt es schwer, sich da hinein zu versetzen..."
Immer wieder kommt es vor, dass sich Schüler nur deshalb in den Schlichtungsraum verirren, weil sie keine Lust haben, auf den Schulhof zu gehen. Den meisten aber ist es ernst: "Am schlimmsten sind Familienangelegenheiten", erzählt die Zehntklässlerin. Ein Streit zwischen Brüdern zum Beispiel sei oft heftiger als der typische Krach an der Tischtennisplatte. In jedem Fall aber muss der Schlichter unparteiisch bleiben - und verschwiegen: "Das ist oft schwer", sagt Maureen, "vor allem, wenn Freunde nach der Pause wissen wollen, was passiert ist."
Nie ist die 15-Jährige allein in ihrer Mission: Auf zwei Streitende kommen zwei Schlichter; gemeinsam vermitteln sie zwischen den Fronten. Nicht jeder eignet sich für diese Aufgabe - nur 13 von 20 Teilnehmern der letzten Schlichtungs-AG wollten ihre Fähigkeiten nach Beendigung der Ausbildung auch einsetzen. Benjamin Oeke ist einer von ihnen, vermittelt dort, wo Streitende an ihre Grenzen stoßen. Für den 17-Jährigen ist das pausenfüllende Ehrenamt nicht nur Belastung - jede Schlichtung bringt auch einen Gewinn: "Vor allem, dass man helfen kann", begeistert den Schüler, "das Gefühl, von anderen gebraucht zu werden". Auch die Gewissheit, Streitigkeiten umgehen zu können, hat er gewonnen.
Susanne Hess - Lehrerin für Deutsch und Französisch - ist Leiterin der Schlichtungs-AG. Ein Jahr lang konfrontiert die 36-Jährige ihre Schüler mit fiktiven Streitfällen, macht sie mit den Geheimnissen erfolgreicher Deeskalation vertraut. "Soziale Kompetenz und Verantwortung", so umschreibt sie den Mehrwert für ihre Zöglinge.
Das Ergebnis aller Bemühungen lagert in einem für Lehrer verschlossenen Holzschrank: Die Palette der in den Schlichtungsverträgen festgehaltenen Vergehen reicht von Diebstahl über Beleidigung bis hin zu körperlichen Angriffen. Ganz unten auf der Seite: die Kompromisse. "Aus dem Weg gehen" steht dort, "keine Vorurteile" oder "beide entschuldigen sich." Manchmal ist die Lösung auch simpler, mit schnödem Taschengeld zu erkaufen: "Bezahlt dem anderen ein Brötchen", steht auf einem der Zettel. Der Frieden kann so preiswert sein.
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